Mal- und Wandlungsprozesse – Erfahrungsberichte

Beiträge von Dorothee von Späth

MALMOMENT

Ich möchte gerne einen besonderen Moment mit Euch teilen. Einen Moment, der mir wie ein kleines Fest fürs Ausdrucksmalen erscheint.

Seit zehn Jahren kommt S. (70) in großen Abständen in meinen Malraum, da sie sich sehr lange vorher überlegt, ob sie diesen Schritt erneut wagt. Das heißt für sie, es dürfen weder zu viel noch zu wenig Mitmalende im Raum sein, damit sie dazwischen — zu ihrer Sicherheit — „verschwinden“ kann.

Am Wochende nun, nach ca. drei Jahren ihrer Malpause, geriet sie am zweiten Maltag im letzten Bild in ein für sie unüberwindbares Festgefahrensein. S. ist eine überaus rational gesteuerte Frau, die auch beim Malen nur über die Kognition geht. Sie prüft jeden Schritt darauf, ob dieser im inneren und äußeren Sinne des Bildes ist. Nun kam sie an eine Stelle, wo das nicht mehr funktionierte.

Sie rief mich, wollte das Bild beenden und es „Versager“ nennen. Sie gestand sich ein, dass darin ein leichter Trotz lag und ich fragte sie, ob sie bereit für eine andere Lösung sei.

Ja, das sei sie. In ihren Augen lagen gleichermaßen Zweifel und Hoffnung. Ihr Bild bestand (wie jedes mal) aus vielen Teilen und in der Mitte war eine Art Flagge ohne Inhalt entstanden.

Schließlich ließ sie sich auf meinen Impuls ein, die vier Seiten des Flaggengebildes nach allen Seiten hin mit einer von ihr gemischten Farbe auszustreichen und das innere freie Feld frei zu lassen.

Zu diesem Schritt mußte sie sich geradezu überwinden, denn es ging völlig gegen ihr Konzept. Aber sie ließ sich ein und erlebte eine erstaunliche Erlösung.

Dann fanden wir sehr schnell, dass das nun Entstandene sie am ehesten an einen Ofen mit loderndem Feuer erinnerte.

Es folgte ein Schwelgen in Grau, Schwarz, Orange und Rot.

Ein großer Ofen entstand mit nach allen Seiten ausbrechendem Feuer, das nicht bedrohlich, sondern voller Vitalität von der Malenden erlebt wurde.

Das Bild war fertig.

Sie nannte es zuletzt „Feuervogel“.

Noch Tage später am Telefon sagte sie, dies sei ein absolut entscheidender Moment gewesen.

Noch nie habe sie sich erlaubt, „etwas anderes“ als ihren Kopf entscheiden zu lassen.

Zum ersten Mal habe sie die Erfahrung gemacht, dass da etwas sei, das auch zur Lösung führe. Und dass sie dem vertraut habe.

Sie war vollkommen erstaunt und perplex, dass sie dies zugelassen hatte. Dass ihr Bild „ganz anders herum“ endete. Mich fragte sie, ob ich das alles so vorhergesehen oder „geplant“ hätte. Zum ersten Mal kam durch eigene Erfahrung bei

ihr an: Wir Ausdrucksmaler gehen immer in Resonanz mit der Malenden und dem Bild, wissen oder bestimmen nie vorher, analysieren oder interpre

tieren, trauen aber sehr wohl unserer Intuition für den Moment der Wandlung eines Bildes.

Ich glaube, sie ahnte jetzt nach zehn Jahren, welche Dimension das Ausdrucksmalen haben kann. Erklärt habe ich es ihr schon oft.

Dorothee von Speth

EIN KLEINER MALPROZESS

N. (45) kommt zum ersten Mal.
Sie ist freudig gespannt.
Nach kurzer Einführung ins AM und einer kleinen Imaginationsübung geht es los.
N. wünscht sich ihr Blatt quer aufgehängt und bestreicht es mit Kleister auf einem Schwamm. Kurzentschlossen traut sie sich, erste Farben zu wählen.
Auch diese trägt sie mit dem Schwamm auf.
Mir kommt es vor, als wische sie die Farben einfach herunter.
Ich ermutige sie, mit Hand oder Pinsel, näher an die Farbe zu gehen.
N. taucht beherzt ihre Finger in ein Malschälchen und ist begeistert.
Sie wählt Rosa, Gelb, Grün, Grau, Blau und Braun — wirkt dabei wie ein Kind auf mich,
das lustvoll im Sand spielt.
Aus festem Aufstreichen der Farbe
werden nach einer Viertelstunde weiches Aufmalen und Miteinanderverbinden.
N. sieht sehr gelöst aus, lächelt — jauchzt ab und an!
Sie vermag es kaum zu glauben, einfach mit Farben spielen zu dürfen.
Wieder und wieder streicht N. über alle Formen im Bild, deren Farben sich mehr und mehr vermischen, immer runder werden und schließlich in der Mitte zu einem großen Herz wachsen.
Ein getupfter roter Rahmen entsteht,
wie um das Ganze zu schützen und zu sichern.
Im Wechsel streicht sie zärtlich vom Rand zur Mitte.
Auch die große Herzform wird unzählige Male liebevoll nachgestrichen.
In deren Mitte hält sich eine grüngetönte Fläche.
N. seufzt, lächelt, ist völlig vertieft in ihr Bild.
Ich widerstehe allen Impulsen, die wunderbar in eine Geschichte gleiten könnten.
N. löst den Rahmen nach und nach mit Wasser auf.
Und meine Bildideen verschwinden mit — hinein in etwas Neues.
Sie reibt nun Farbe wie Seife in den Händen (ich gab die Erlaubnis, nicht mit Farbe sparen zu müssen), streicht gelbe Töne ins Bild.
Erneut wandert sie mit den Händen, wie im Rausch tanzend, von außen nach innen und umgekehrt.
Immer wieder das Herz in der Mitte liebevoll streichelnd
und es am Innenrand mit Dunkelrot noch deutlicher machend.
Für mich ist dieses Spiel eine kleine Geduldsprobe.
So beobachtend aber habe ich Raum,
auch kleine Gesten zu bemerken — und die erfahrenen Maler im Auge zu behalten.
Ich teile still „den Moment“ und denke nicht an „ das Nachher“.
Das zu können, ist die Frucht langjähriger Malbegleitung.
N. verdichtet hellblaue und rosafarbene Stellen im Bild.
Das grüne Innenleben bleibt weiter unberührt.
Auch an dieser Stelle widerstehe ich dem Impuls, ins Bild einzuwirken.
Nach eineinhalb Stunden schaut N. zum ersten Mal zu mir herüber.In
ihrem Gesicht liegt ein strahlender Glanz.
Ich gehe zu ihr (habe bis dahin lediglich Heftzwecken nachgedrückt),
freue mich mit ihr. Frage vorsichtig, was ihr gerade besonders gefalle.
„All die vielen, genauso vermischten Farben,“ kommt es prompt. Nur eine kleine Ecke störe.
„Ach nein, nicht wirklich!“
Ganz besonders gefalle ihr der Ein- oder Ausblick in die Mitte des Herzen — dort, wo es so grün geblieben ist.
Wir überlegen, was dort sein könnte. Ein Seerosenteich, ein Baum, ein Meer.
N. wählt den Seerosenteich.
Wir erfinden eine Geschichte, wie eine Spaziergängerin diesen Teich, auf einem ganz normalen Spazier gang, plötzlich durchs Buschwerk leuchten sieht.
Es ist der Moment des glückhaften Entdeckens von etwas,
an dem man täglich vorbeigeht, ohne es zu sehen.
Da fehlt nichts mehr. Nichts muss nachgebessert werden oder dazukommen.Das Bild ist fertig.
N. möchte diesen kleinen Moment so erhalten und nicht durch ein Weitergehen zerstören.
Sie freut sich, eine so wunderbare kleine und doch große Chance für ihr Alltagserleben neu entdeckt zu haben.
Ganz allein und für sich.
Niemand kann ihr dies nehmen oder daran herumnörgeln.
Sie schreibt einige Sätze auf ein Blatt Papier und hängt es neben das Bild.
N. sagt, wie froh sie sei, einen Ort für ungestörtes, unzensiertes Experimentieren gefunden zu haben.
Sie genieße es, den eigenen Erwartungen und denen der anderen entkommen zu sein.
Gerade jetzt, da ihre Mutter starb — wie sie mir erst am Ende der Stunde erzählt.
Sie beginne, sich ihr eigenes Erleben zu erlauben.
Das ist nun ein Jahr her.

N. ist noch nicht wiedergekommen.

Dorothee von Speth

Auszug aus „AUSDRUCK 1/16“ – Newsletter des
Netzwerks Ausdrucksmalen nach Laurence Fotheringham e.V.
erschienen im Juli 2016

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Diese Beiträge ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Erlaubnis der Autorin:
Dorothee von Späth (Dorotheev.Speth@web.de)

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